Peking Rundschau 16. September 1975
Sozialistisches China: »Ein Arbeiter nach Abschluß der Hochschule«
Peking Rundschau, 16. September 1975, Nr. 37-1975
Ich trat 1952 als Arbeiter in die Werkzeugmaschinenfabrik Schanghai ein. Später wurde ich Leiter der Reparaturgruppe in der Werkhalle Nr. 2. Der Weisung des Vorsitzenden Mao vom 21. Juli 1968 – »Man muß den Weg der Werkzeugmaschinenfabrik Schanghai gehen, Techniker aus der Arbeiterschaft heranzubilden.« – folgend, errichtete unsere Fabrik im September 1968 eine sozialistische Hochschule neuen Typs – die Arbeiterhochschule »21. Juli«. Meine Bitte um Aufnahme wurde, nachdem sie von den Massen unterstützt worden war, von den zuständigen Leitungsorganen genehmigt. Ich bin einer aus der ersten Gruppe von Arbeiterabsolventen, die am 21.Juli 1971 von der Hochschule abging. Seither bin ich wieder in der Reparaturgruppe als Arbeiter tätig.
Eine wichtige Maßnahme
Die Abtrennung der geistigen von der körperlichen Arbeit ist ein Produkt des Privateigentums. Ihr Gegensatz ist eine Verkörperung des Klassengegensatzes.
Die gesellschaftliche Teilung der Arbeit in körperliche und geistige hat, weil sie die Arbeitsproduktivität erhöhte und so die kulturelle Entwicklung der Menschheit förderte, in der Geschichte eine gewisse fortschrittliche Rolle gespielt. Doch muß man sehen, daß diese Arbeitsteilung in den vergangenen Jahrtausenden zu einer der Deformierung in der Entwicklung des Menschen geführt hat. Sie »verkrüppelt den Arbeiter in eine Abnormität«, und das Individuum selbst »wird … in das automatische Triebwerk einer Teilarbeit verwandelt«. (Marx: »Das Kapital«) Auch die Intellektuellen wurden »geknechtet … unter ihre Verkrüppelung durch die auf eine Spezialität zugeschnittne Erziehung und durch die lebenslange Fesselung an diese Spezialität selbst«. (Engels: »Anti-Dühring«) Vor langem sah Engels bereits ganz andere Verhältnisse für die zukünftige Gesellschaft. Er sagte: »Die Existenz der Klassen ist hervorgegangen aus der Teilung der Arbeit, und die Teilung der Arbeit in ihrer bisherigen Weise fällt gänzlich weg.« (»Grundsätze des Kommunismus«)
Nach der Befreiung wurde in China die sozialistische Umgestaltung des Eigentums an den Produktionsmitteln durchgeführt. Das Resultat war, daß sich der Gegensatz zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, wie er in der alten Gesellschaft in voller Schärfe bestanden hatte, grundlegend verändert. Die breiten Massen der Intellektuellen dienen nicht mehr der Grundherrenklasse und der Bourgeoisie, sondern dem Volk. Mit der Vertiefung der sozialistischen Revolution erhöhten die Intellektuellen stetig ihr Bewußtsein dafür, daß sie ihre Weltanschauung umformen müssen. Die meisten von ihnen können sich mit den Arbeitern, Bauern und Soldaten verbinden und sind zu Intellektuellen geworden, wie sie den Arbeitern, Bauern und Soldaten willkommen sind. Doch der Unterschied zwischen der körperlichen und der geistigen Arbeit besteht weiter. Wir erkennen »stillschweigend die ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsfähigkeit als natürliche Privilegien« an. (Marx: »Kritik des Gothaer Programms«) Das bürgerliche Recht, in dem sich diese Differenz widerspiegelt, besteht weiter. Das muß unter der Diktatur des Proletariats eingeschränkt werden.
Das Entstehen von Schulen vertiefte in der Vergangenheit die Kluft zwischen der körperlichen und der geistigen Arbeit weiter. Einige wenige konnten die Schule besuchen, während die überwältigende Mehrheit das ganze Jahr zu schuften hatte und vom Schulbesuch ausgeschlossen war. Weil vor der Kulturrevolution auf dem Gebiet des Erziehungswesens Liu Schao-tschis revisionistische Linie verfolgt wurde, wurden die Weisungen des Vorsitzenden Mao über das vom Proletariat zu organisierende Ausbildungswesen im wesentlichen nicht durchgeführt. Damals übernahmen die Hochschulen fast alles, was an den bürgerlichen Universitäten gegolten hatte, und trichterten den Studenten bürgerliche Ideen wie »Wer gut lernt, wird Beamter« und »Lernen, um Beamter zu werden« ein. Auf diese Weise trugen sie tendenziell zur Vergrößerung des Unterschiedes zwischen der körperlichen und der geistigen Arbeit bei.
Den Weisungen des Vorsitzenden Mao entsprechend, kommen die Studenten unserer Arbeiterhochschulen aus den Reihen der Arbeiter, und sie kehren nach einigen Jahren des Studiums wieder in die Praxis der Produktion zurück. Das ist eine der wichtigsten Maßnahmen zur Einschränkung des Unterschiedes zwischen der körperlichen und der geistigen Arbeit und zur Ausübung einer allseitigen Diktatur über die Bourgeoisie. Deshalb war ich entschlossen, nach Abschluß meines Hochschulstudiums mich wieder auf meinen Posten in der Produktion zu stellen und weiter ein Arbeiter zu sein.
Mit den überlieferten Ideen brechen
Daß ein Hochschulabsolventen ein Arbeiter wird, das ist etwas Neues. Weil es die überlieferten Ideen herausfordert, muß es auf Hindernisse stoßen. Kurz vor meinem Studienabschluss nahm ich an der Projektierung einer großen Rund-Schleifmaschine in der Schleifmaschinen-Entwicklungsabteilung unseres Werkes teil. Damals sagte ein Genosse zu mir: »Ich hoffe, daß du bei uns bleibst und als Techniker arbeitest, wenn du dein Studium abgeschlossen hast.« Ich antwortete: »Ich will als Arbeiter in die Werkhalle zurück.« Darauf der Genosse: »Du bist wirklich komisch, willst nicht einmal in unserer Abteilung arbeiten.« Ich sagte: »Getroffen! Genauso ein ›komischer‹ Student will ich sein, der nach dem Abschluß wieder als Arbeiter in die Produktion geht.«
Als ich in die Hochschule aufgenommen worden war, schärften mir die alten Arbeiter unserer Gruppe immer wieder ein, ich dürfe auch dort niemals vergessen, daß ich ein Arbeiter bin. Sie freuten sich sehr und begrüßten mich herzlich, als ich wieder in unsere Gruppe einzog. Aber es gab da einige Arbeiter, die meine Handlungsweise nicht verstehen konnten. Einer »bedauerte« meine Entscheidung und sagte: »Du hast einige praktische Erfahrung und auch Erfolg beim Studium gehabt. Warum in aller Welt bestehst du darauf, wieder den Hammer zu schwingen? Leute wie du sollten leitende Kader sein, oder doch mindestens Techniker!«
Im »Manifest der Kommunistischen Partei« schrieben Marx und Engels die berühmt gewordenen Sätze: »Die kommunistische Revolution ist das radikalste Brechen mit den überlieferten Eigentumsverhältnissen; kein Wunder, daß in ihrem Entwicklungsgange am radikalsten mit den überlieferten Ideen gebrochen wird.« Ich habe verstanden, daß es eine Revolution bedeutet, ein radikales Brechen mit den überlieferten Ideen, wenn ein Hochschulabsolvent Arbeiter wird. Das »fehlende Verständnis« mancher Genossen dafür, ihr »Bedauern« spiegelt gerade diese überlieferten Ideen wieder. Ich erklärte diesen Genossen die Zukunftsperspektiven der von Fabriken errichteten und geführten Hochschulen. Wenn wir die Weisung des Vorsitzenden Mao vom 21. Juli in die Tat umsetzen, so bilden wir ein gewaltiges Kontingent von Arbeiter-Intellektuellen heran, die sowohl eine sozialistische Bildung und technische Kenntnisse haben wie auch Produktion verstehen. So werden der Unterschied zwischen den Arbeitern und den Technikern und auch der Unterschied zwischen der körperlichen und der geistigen Arbeit Schritt für Schritt verkleinert. Schließlich stimmten auch diese Genossen meiner Auffassung zu und unterstützten meine Rückkehr in die Werkhalle, was mich wiederum in meiner Entschlossenheit bestärkte, erneut als Arbeiter tätig zu sein
Allseitige Entwicklung
Früher, bevor ich zu studieren begonnen hatte, mußten wir Reparaturarbeiter oft Ersatzteile anfertigen, waren aber nicht imstande, selbst die Pläne dafür zu zeichnen. Also konnten wir nichts anderes tun, als die funktionsuntüchtigen oder beschädigten Teile zu reinigen, und mußten sie zu den technischen Abteilungen bringen, die dann die Konstruktionspläne ausarbeiteten. Unser Wunsch, selbst Pläne zu zeichnen und an der Konstruktionsarbeit mitzuwirken, war damals ein kühner Traum.
Nun, da ich Absolvent der Arbeiterhochschule bin und mir einige technische und allgemeine Kenntnisse angeeignet habe, bin ich neben meiner Teilnahme an der Produktionsarbeit auch an der Konstruktion beteiligt und arbeite an technischen Neuerungen. Einmal sah ein erfahrener Arbeiter beim Reparieren einer Radialbohrmaschine alten Types, daß alle Zähne eines Zahnrades total abgenutzt waren. Eine neues mußte gemacht werden, weil wir keinen Ersatz zur Verfügung hatten. Aber auch Konstruktionszeichnung war keine dar, also setzte ich meine neuerworbenen Kenntnisse ein, führte die notwendigen Messungen und Berechnungen durch und verfertigte eine Skizze.
Ein anderes Mal stand plötzlich ein Arbeiter um Mitternacht an meinem Bett und bat mich, nach der großen Flächenschleifmaschine zu sehen, die er bediente und bei der etwas nicht in Ordnung war. Früher hätte ich bei der Reparatur einer solch komplizierten Anlage nur Handlangerdienste leisten können. Daß nun dieser Genosse zu mir kam, war ein Beweis des Vertrauens der Arbeiter in ihre Kollegen, die sie auf die Hochschule geschickt hatten. Gemeinsam mit den Schleifern und den Kranführern fand ich Ursache der Barriere und begann mit der Reparatur. Bald war die Maschine in Ordnung und konnte wieder in Betrieb genommen werden.
Als Parteimitglied und Leiter der Reparaturgruppe ist es für mich nicht damit getan, mein Augenmerk nur auf die technische Arbeit zu richten, sondern ich muß mich auch um die politische und ideologische Arbeit und um die für die Produktion notwendige Verwaltungsarbeit kümmern. Eine Zeitlang verloren einige Anlagen unserer Werkhalle Öl. Das brachte nicht nur unnötige Verluste, sondern es gab auch angesichts dieses Problems unter den Reparaturarbeitern, Schmierern und Maschinisten Auseinandersetzungen. In dieser Situation begann ich eine alte Revolverdrehbank zu untersuchen, deren Ölverlust ziemlich hoch war, und fand eine Mutter am Verbindungsstück einer Öl-Leitung als Ursache heraus. Zog man diese Mutter fest an oder ersetzte sie durch eine neue, hörte das Öl auf auszufließen. Oberflächlich gesehen, handelte es sich hier nur um ein technisches Problem, in Wirklichkeit aber war es ein ideologisches – ein Problem des Mangels an Gewissenhaftigkeit und an Verantwortungsgefühl für die Arbeit. Ich schob eine Schüssel unter die leckende Stelle der Drehbank, mit dem Ergebnis von einem Viertel Kilo Öl in vier Stunden. Wir hielten an Ort und Stelle eine Besprechung ab und rechneten aus, wie groß der Verlust in einem Monat, in einem Jahr wäre, ließen wir das Öl weiter so ausfließen. Die Zahl frappierte uns. Und würden alle Maschinen in der Halle auf diese Weise Öl verlieren, was wäre das für ein Schaden! Dieses Beispiel aus der täglichen Praxis hatte für uns alle eine große erzieherische Bedeutung. Von den Arbeitern kam der Ausspruch: »Nur wenn wir zuerst die Löcher in unserem Denken zustopfen, kann auch das Öl am Ausfließen gehindert werden.« Seither sehen wir alle sehr genau darauf, daß nichts mehr davon verloren geht.
Ich stamme aus einer Familie armer Bauern und mußte von meinem 15. Lebensjahr an als Lehrling unter der Ausbeutung und Unterdrückung durch die Kapitalisten leiden. Ich habe es der Partei und dem Vorsitzenden Mao zu verdanken, daß ich mich befreien konnte und daß ich die Möglichkeit hatte, eine Arbeiterhochschule zu besuchen. Dort erhöhte ich mein Bewußtsein vom Klassenkampf und vom Kampf zweier Linien und eignete mir wissenschaftliche und technische Kenntnisse an. Ich bin entschlossen, ein Werktätiger zu sein, der ein sozialistisches Bewußtsein und eine Bildung hat. Ich bin entschlossen, meinen Teil zur sozialistischen Revolution, zum sozialistischen Aufbau und zur Konsolidierung der Diktatur des Proletariats beizutragen.